Warum perfektes Funktionieren oft eine versteckte Angst verbirgt – und was dir wirklich hilft
Von aussen sieht bei dir alles gut aus. Du bist zuverlässig. Du organisierst, erledigst, denkst mit, springst ein. Menschen sagen dir, wie toll du das alles hinkriegst, und fragen sich vielleicht sogar, wie du das nur schaffst.
Und innen?
Da summt etwas. Eine leise, ständige Anspannung. Das Gefühl, keinen Moment wirklich loslassen zu dürfen. Im Kopf läuft schon der nächste Punkt auf der Liste, während du den aktuellen noch erledigst. Und irgendwo ist da die Sorge, dass etwas schiefgehen könnte, sobald du nachlässt.
Vielleicht kommt dir dieser Widerspruch bekannt vor: Im Aussen läuft alles – und trotzdem fühlt es sich innen nicht ruhig an.
Wenn Funktionieren zur Überlebensstrategie wird
Es gibt eine Form von Ängstlichkeit und innerer Anspannung, die man einem Menschen von aussen kaum ansieht. Sie zeigt sich nicht unbedingt in Rückzug oder Vermeidung, sondern manchmal im Gegenteil: in noch mehr Leistung, noch mehr Kontrolle, noch mehr Organisation.
Dafür wird häufig der Begriff High-Functioning Anxiety verwendet. Er beschreibt Menschen, die trotz innerer Ängste, Sorgen oder ständiger Anspannung im Alltag sehr gut funktionieren.
Wichtig dabei: High-Functioning Anxiety ist keine eigenständige psychische Diagnose. Der Begriff beschreibt vielmehr ein Muster, das ganz unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Und genau dieses Muster kann tückisch sein.
Denn von aussen sieht es oft nach Stärke aus. Du bist pünktlich, vorbereitet, verlässlich. Du denkst voraus und übernimmst Verantwortung, manchmal schon bevor jemand überhaupt etwas von dir verlangt. Das wird häufig sogar belohnt. Du bekommst Anerkennung, man verlässt sich auf dich, du übernimmst mehr Verantwortung und wirst zur festen Stütze für andere. Und gleichzeitig fällt es vielleicht immer schwerer, dir selbst einzugestehen:
Eigentlich kostet mich das unglaublich viel Kraft.
Dahinter können innere Überzeugungen stehen wie:
- «Wenn ich alles richtig mache, passiert nichts Schlimmes.»
- «Wenn ich die Kontrolle behalte, bin ich sicher.»
- «Wenn ich leiste, bin ich wertvoll.»
Woran du erkennen kannst, dass du in diesem Muster steckst
Die Anzeichen sind oft erstaunlich unauffällig, weil sie so gut in unseren Alltag und teilweise sogar in unsere Leistungsgesellschaft passen. Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Punkte wieder:
- Du fühlst dich innerlich selten vollkommen entspannt, selbst wenn objektiv gerade nichts ansteht.
- Du planst im Kopf bereits den übernächsten Schritt, bevor der aktuelle erledigt ist.
- Ruhe und freie Zeit fühlen sich nicht automatisch erholsam an. Manchmal entsteht sogar ein schlechtes Gewissen.
- Du sagst schwer Nein, weil du andere nicht enttäuschen möchtest.
- Du kontrollierst Dinge lieber ein zweites oder drittes Mal, damit bloss nichts schiefgeht.
- Fehler beschäftigen dich länger, als du eigentlich möchtest.
- Dein Körper meldet sich möglicherweise mit Verspannungen, Herzklopfen, Magenproblemen oder Schlafproblemen, obwohl «eigentlich alles in Ordnung» ist.
- Lob kannst du nur schwer annehmen, weil irgendwo das Gefühl bleibt, noch nicht genug getan zu haben.
- Andere erleben dich als stark und souverän, während du selbst dich innerlich ganz anders fühlst.
Wenn du einen oder mehrere dieser Punkte kennst, kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen. Denn vielleicht läuft dein System schon sehr lange im Dauerbetrieb.
Das Schwierige daran: Dein Funktionieren funktioniert
Vielleicht möchtest du dieses Funktionieren auch gar nicht vollständig loswerden. Schliesslich hat es dich möglicherweise weit gebracht. Deine Fähigkeit vorauszudenken, Verantwortung zu übernehmen, Dinge gründlich zu machen und dich auf dich selbst verlassen zu können, kann dir beruflichen Erfolg, Anerkennung und Sicherheit gebracht haben. Und deshalb geht es auch gar nicht darum, diese Seiten von dir plötzlich abzulehnen oder «wegzumachen». Die entscheidende Frage ist für mich eine andere:
Kannst du noch frei entscheiden, wann du leisten möchtest – oder entscheidet die innere Anspannung längst für dich?
- Kannst du etwas auch einmal liegen lassen?
- Kannst du einen Fehler machen, ohne dich innerlich stundenlang damit zu beschäftigen?
- Kannst du dich ausruhen, obwohl noch etwas zu tun wäre?
- Kannst du Nein sagen, obwohl jemand vielleicht enttäuscht sein könnte?
Genau dort zeigt sich der Unterschied zwischen einer Stärke, die dir zur Verfügung steht – und einer Strategie, die du brauchst, um dich sicher zu fühlen.
Wo dieses Muster herkommen kann
Kaum jemand entwickelt ein solches Muster aus dem Nichts. Vielleicht hast du früh gelernt, dass Anerkennung besonders dann kommt, wenn du etwas gut machst. Vielleicht waren Fehler mit Kritik, Konflikten oder unangenehmen Konsequenzen verbunden. Vielleicht war es sicherer, unkompliziert zu sein und zu funktionieren, als eigene Bedürfnisse zu zeigen. Vielleicht hast du früh Verantwortung übernommen – für andere Menschen oder für Situationen, die eigentlich zu gross für dich waren. Oder du hast irgendwann erlebt, wie schnell etwas, das sicher schien, aus den Fugen geraten kann. Kontrolle, Leistung und Vorbereitung können dann zu etwas werden, das weit über eine Persönlichkeitseigenschaft hinausgeht:
Sie vermitteln Sicherheit.
Unser Nervensystem lernt aus Erfahrungen. Wenn Wachsamkeit, Anpassung oder Kontrolle einmal geholfen haben, schwierige Situationen zu bewältigen, können diese Strategien bestehen bleiben – selbst wenn sie heute nicht mehr in demselben Mass notwendig wären. Und irgendwann läuft dieses Programm einfach weiter. Im Hintergrund. Leise. Unermüdlich. Das kostet Kraft.
Der Preis des Dauerfunktionierens
Vielleicht merkst du es an einer Müdigkeit, die auch durch ein Wochenende oder einen Urlaub nicht wirklich verschwindet. An einer inneren Leere trotz Erfolg. Oder daran, dass du manchmal gar nicht mehr genau weisst, was du eigentlich brauchst, weil du so lange damit beschäftigt warst, das Nächste zu erledigen.
Manche Menschen erleben irgendwann deutliche körperliche oder psychische Warnsignale: Schlafprobleme, anhaltende innere Unruhe, Ängste, Panikattacken oder eine tiefe Erschöpfung.
Nicht jeder Mensch entwickelt solche Symptome. Und natürlich können körperliche Beschwerden ganz unterschiedliche Ursachen haben und sollten entsprechend abgeklärt werden.
Aber manchmal lohnt sich zusätzlich die Frage:
Wie lange versuche ich eigentlich schon, alles zusammenzuhalten?
Mehr über den Zusammenhang zwischen innerer Anspannung und Schlaf findest du auch in meinem Artikel «Schlafstörungen – warum Schlafhygiene oft nicht reicht».
Und warum Erschöpfung nicht immer nur mit der tatsächlichen Arbeitsbelastung zusammenhängt, beschreibe ich in «Burnout beginnt nicht im Job – sondern in unserem inneren Anspruch».
Warum Durchatmen und Zeitmanagement manchmal nicht reichen
Wer ständig unter Strom steht, hat oft schon einiges ausprobiert. Entspannungsübungen. Achtsamkeit. Yoga. Atemübungen. Einen besser organisierten Kalender. Weniger Termine. Mehr Pausen.
All das kann hilfreich sein. Aber manchmal passiert etwas Merkwürdiges:
Du sitzt endlich auf dem Sofa – und kannst trotzdem nicht entspannen.
Du hast frei – und denkst darüber nach, was du noch erledigen könntest.
Du machst eine Atemübung – und fünf Minuten später läuft der Kopf wieder auf Hochtouren.
Warum?
Weil Regulation nicht immer nur bedeutet, eine Technik anzuwenden.
Wenn dein System gelernt hat, dass Wachsamkeit, Kontrolle oder Leistung Sicherheit bedeuten, reicht es manchmal nicht, ihm zu sagen: «Jetzt entspann dich doch.»
Wie ich auch in meinem Artikel über Nervensystem-Regulation beschreibe: Wir können lernen, uns kurzfristig zu beruhigen. Aber manchmal lohnt es sich zusätzlich, danach zu fragen, warum unser System überhaupt immer wieder in Alarmbereitschaft gerät.
Und noch etwas kommt dazu:
Dein Verstand weiss möglicherweise längst, dass du nicht perfekt sein musst. Du hast es vielleicht hundertmal gehört, gelesen oder dir selbst gesagt. Und trotzdem fühlt sich ein Fehler nicht einfach okay an. Genau hier liegt der Unterschied zwischen etwas wissen und etwas wirklich erfahren.
Wo EMDR ansetzen kann
Genau hier kann EMDR eine Möglichkeit sein, tiefer anzusetzen. In der gemeinsamen Arbeit schauen wir nicht nur auf das heutige Verhalten, sondern auch auf Erfahrungen, innere Überzeugungen und Situationen, die mit dem ständigen Funktionieren verbunden sind. Vielleicht kennt ein Teil von dir längst den Satz:
«Ich muss nicht perfekt sein.»
Und trotzdem reagiert etwas in dir, als wäre ein Fehler gefährlich, eine Pause nicht erlaubt oder Kontrolle notwendig.
EMDR arbeitet nicht nur auf der Ebene des bewussten Verstehens. Mithilfe bilateraler Stimulation können belastende Erfahrungen neu verarbeitet und anders eingeordnet werden. Dadurch kann sich auch die emotionale und körperliche Reaktion auf heutige Situationen verändern. Das Ziel ist dabei nicht, dir dein Verantwortungsgefühl, deinen Ehrgeiz oder deine Leistungsfähigkeit zu nehmen. Sondern mehr Wahlfreiheit entstehen zu lassen:
Ich kann leisten – aber ich muss nicht ständig leisten, um mich sicher oder wertvoll zu fühlen.
Ein Beispiel aus meiner Praxis
Eine Klientin von mir trug nach einem schweren Verlust sehr viel Verantwortung. Sie hielt alles zusammen – für andere und für sich selbst. Gleichzeitig begleitete sie ein tiefes Gefühl, nie wirklich gut genug zu sein, egal wie viel sie leistete. Später kamen auch Panikattacken hinzu.
In unserer gemeinsamen Arbeit zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen Leistung und Anerkennung viel weiter zurückreichte. Bereits als junge Frau hatte sie erlebt, unter starkem Druck zu stehen und Anerkennung vor allem über Leistung zu erfahren. Diese Erfahrungen wurden Teil unserer EMDR-Arbeit.
Im Verlauf der Begleitung wurden ihre Panikattacken deutlich seltener. Gleichzeitig konnte sie sich zunehmend Pausen erlauben und Momente geniessen, ohne das Gefühl zu haben, sie sich vorher verdienen zu müssen.
Was sich verändern kann
Veränderung bedeutet nicht, dass dir plötzlich alles egal wird. Du darfst weiterhin ehrgeizig sein. Du darfst zuverlässig sein. Du darfst Dinge richtig gut machen wollen.
Der Unterschied ist, aus welchem inneren Zustand heraus du es tust.
Vielleicht kannst du irgendwann Ruhe tatsächlich als Erholung erleben, statt dabei schon wieder an die nächste Aufgabe zu denken.
Vielleicht kannst du Nein sagen, ohne dich danach stundenlang zu fragen, ob du jemanden enttäuscht hast.
Vielleicht darf ein Fehler einfach ein Fehler sein – und keine Aussage über deinen Wert.
Vielleicht kannst du Lob annehmen, ohne innerlich sofort aufzuzählen, was noch nicht gut genug ist.
Und vielleicht kannst du weiterhin viel leisten.
Aber nicht mehr, weil du musst. Sondern weil du möchtest.
Wenn Sicherheit nicht mehr von Leistung abhängt
Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung: Nicht weniger leistungsfähig zu werden. Sondern dich auch dann sicher und wertvoll fühlen zu können, wenn du gerade nichts leistest.
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass etwas davon sehr vertraut klingt, kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen:
Was glaube ich eigentlich, würde passieren, wenn ich wirklich einmal nachlasse?
Die Antwort auf diese Frage führt manchmal erstaunlich weit zurück. Und genau dort kann Veränderung beginnen.
Wenn du dir dabei Begleitung wünschst, findest du auf meiner Angebotsseite mehr über meine 1:1-Begleitung.
Auch Unternehmen begleite ich dabei, psychische Gesundheit, Stress und Burnout-Prävention nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn Mitarbeitende bereits ausgefallen sind.
In einem kostenlosen und unverbindlichen Kennenlerngespräch können wir gemeinsam schauen, ob meine Art der Begleitung für dich passend ist.
Alles Liebe,
Mareike
